Was wollen diese Nazis eigentlich in Wiesbaden!?

Eine solidarische Kritik an der Mobilisierung gegen den Naziaufmarsch am 8. Mai in Wiesbaden

„Wir danken den verbündeten Armeen der Amerikaner, Engländer, Sowjets und allen Freiheitsarmeen, die uns und der gesamten Welt Frieden und das Leben erkämpfen.
Wir gedenken an dieser Stelle des großen Freundes der Antifaschisten aller Länder, eines Organisatoren und Initiatoren des Kampfes um eine neue demokratische, friedliche Welt, F. D. Roosevelt. Ehre seinem Andenken!“
— Aus dem Schwur von Buchenwald.

Am 8. Mai 2010, dem 65. Jahrestag der Kapitulation der deutschen Wehrmacht vor den Alliierten, wollen Nazis in Wiesbaden gegen die USA demonstrieren. Anlass ist die Verlegung des US-Headquarters von Heidelberg nach Wiesbaden-Erbenheim, wo sich eine US-Airbase befindet. In den Gegenaktivitäten wird der antiamerikanische Hintergrund des Naziaufmarschs unglücklicherweise weitgehend ausgeblendet, was sich u.a. im Aufruf des Wiesbadener Bündnis gegen Rechts zeigt.
Zwar finden die aufrufenden Gruppen es „besonders abstoßend, dass Neonazis den 8. Mai als Anlass für einen Aufmarsch nutzen wollen“. Trotzdem ist dem Bündnis der Anlass eigentlich egal, denn „Nazi-Umtriebe – egal an welchem Tag, in welcher Stadt und unter welchem Motto – sind immer abstoßend und Ausdruck von Fremdenfeindlichkeit und Menschenverachtung.“ Deshalb ist es scheinbar nicht notwendig über den konkreten Anlass weiter zu diskutieren, sondern man kann zur Tagesordnung übergehen: dem „demokratischen und humanen Handeln“ in Form einer Blockade des Aufmarsches. Diverse erfolgreiche Beispiele werden aufgezählt und schließlich auch dasjenige, das in diesem Fall tatsächlich als Vorbild dienen kann. Denn auch da wurde viel über das Blockieren der Nazis diskutiert und weniger über den Grund, warum sie überhaupt da waren: „Zuletzt in Dresden stellten sich die Menschen so zahlreich auf die Straßen, sagten so laut ‚Nein’ zu den Nazis und blieben so lange stehen, bis die geplanten Nazi-Aufmärsche abgeblasen werden mussten. Diesen Erfolg werden wir in Wiesbaden wiederholen.“ Es reicht also scheinbar, laut genug zu sein – Reflexion ist nicht zwingend notwendig. (mehr…)

8. mai – wer nicht feiert hat verloren

Naziaufmarsch in Wiesbaden am 8.Mai Verhindern!

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Flyer

Erinnern und Vergessen

Zur aktuellen Form der deutschen Geschichte

„Aufgearbeitet wäre die Vergangenheit erst dann, wenn die Ursachen des Vergangenen beseitigt wären. Nur weil die Ursachen fortbestehen, ward sein Bann bis heute nicht gebrochen.“ Die Sätze, mit denen Adorno seinen Radiovortrag Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit beendete, sind mittlerweile fünfzig Jahre alt. Dem Vergessen der nationalsozialistischen Verbrechen, von denen hier die Rede ist, steht im heutigen Deutschland das offene Bekenntnis zur Verantwortung für diese Vergangenheit gegenüber; die Demokratie, deren mangelnde Akzeptanz in der deutschen Bevölkerung Adorno seinerzeit beklagte, wird in diesem Jahr als sechzigjährige Erfolgsgeschichte gefeiert.
Doch wie steht es mit den benannten Ursachen? Von ihrer Beseitigung kann kaum die Rede sein. Die ökonomischen Voraussetzungen sind die gleichen geblieben, und das zweite der diesjährigen Jubiläen ruft nur einmal mehr in Erinnerung, dass es rückblickend 1989 weniger um das erfreuliche Ende eines autoritären, staatskapitalistischen Systems ging als um die integrative Kraft des nationalen Kollektivs der Deutschen. Hinzu kommt, dass sich im 9. November, dem „Schicksalstag der Deutschen“, die ganze Widersprüchlichkeit der deutschen Geschichte zu konzentrieren scheint. Wenn am selben Tag der Pogrome von 1938 gedacht und der Fall der Mauer ´89 gefeiert werden kann, scheint der 9. November die Geschichte von der vollendeten Läuterung der Deutschen zu erzählen. Da die fehlende demokratische Revolution zu Hitler geführt habe, habe die Revolution von 1989 gezeigt, dass die Deutschen dazu gelernt hätten und sich gegen Totalitarismus und Gewalt entscheiden können. Indem das Ende der DDR im Erinnerungshaushalt des Jahres 2009 sich in eine Reihe mit dem ‚Geburtstag‘ des Grundgesetzes stellen lässt, erscheint die Geschichte der parlamentarischen Demokratie als Geschichte des demokratischen Freiheitswillens des deutschen Volkes. Eine Denunziation dieser Geschichte als Lügenkonstrukt würde es sich allerdings zu einfach machen. Selbstverständlich war die Geschichte der BRD immer auch die Geschichte eines autoritätshörigen Staatsfetischismus, der nicht so recht zum liberalen Pathos der Grundgesetzfeiern passen will, und die Weltoffenheit, mit der heute jede Provinzstadt unter der Parole „bunt statt braun“ gelegentlichen Naziaufmärschen entgegentritt, bleibt von rassistischer Ausgrenzung und antisemitischem Ressentiment durchsetzt. Ebenso ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass unmittelbar auf die Abwicklung der DDR die des Asylrechts folgte – und damit immerhin eine der wenigen Konsequenzen aus der katastrophalen Erfahrung von Auschwitz im Grundgesetz faktisch verschwand. Auch dass sich parallel dazu der neue Einheitswille von stolzen Deutschen in den Pogromen von Lichtenhagen, Mölln etc. in einer barbarischen Offenheit zeigte, wird in den Deutschlandfeiern dieses Jahres gern unterschlagen.
Aber Geschichte erscheint in diesen Feiern eben nie anders denn als Geschichtspolitik, als ein politisch motiviertes und institutionalisiertes Gedächtnis, dem ein gesamtgesellschaftliches Bedürfnis nach einer spezifisch deutschen Erinnerung entspricht. Die faktischen Abläufe der Vergangenheit werden unter der identitären Perspektive der Gegenwart betrachtet. Dieser Gegenwart ist mit dem Hinweis auf historische Fakten, so wichtig er angesichts tatsächlicher Verfälschungen und Auslassungen sein mag, schwer beizukommen. Vielmehr zeigt sich hier die Funktion des Vergangenheitsbezugs in der neuesten deutschen Ideologie. Um deren Kritik, und nicht um eine irgendwie ‚bessere‘ Geschichtspolitik, geht es uns. Denn die Vergangenheit wirklich aufzuarbeiten kann in unserem Zusammenhang nur heißen, die Ursachen, die sie ermöglichten, zu beseitigen.

Dialektik der Aufarbeitung

Die verschiedenen Phasen der historischen Erinnerung in der Bundesrepublik lassen sich als eine Dialektik der Aufarbeitung beschreiben. Die Frühphase war bis in die achtziger und neunziger Jahre hinein von einem weitgehenden Verdrängen der deutschen Verbrechen geprägt. Dass es sich hier nicht einfach um ein verschämtes Vergessen handelte, ließe sich schon an der aggressiven Abwehr der angeblichen Kollektivschuldthese zeigen, die immer dann aufkam, wenn auf die Mittäterschaft der so genannten einfachen Deutschen hingewiesen wurde. Noch die Debatte um Daniel Goldhagens Buch Hitlers willige Vollstrecker (1996) rief diese Reflexe wach. Die „Kollektivschuld“ selbst war im Grunde ein Popanz der Deutschen (die Alliierten ließen den Begriff schon ein paar Monate nach Kriegsende fallen), die sich so schon einmal auf ihre Rolle als verfolgte Unschuld einstellen konnten. Die Reste schlechten Gewissens, die sich in der Abwehr der „Kollektivschuld“ verrieten, sind im heutigen, ‚aufgeklärten‘ deutschen Bewusstsein durch den Hinweis abgelöst, dass schließlich alle Verbrechen begangen haben und alle doch irgendwie Opfer waren.
Dass es dazu kommen konnte, ist Ergebnis eines Umgangs mit der Vergangenheit, der seinen Anfang zum Teil in durchaus oppositionellen und fortschrittlichen Bewegungen hat. So gaben zum Beispiel Geschichtswerkstätten und linke oder linksliberale Gruppen oft gegen die Mehrheit in Politik und Gesellschaft den Anstoß zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus oder sie haben die vergessene, das heißt sorgfältig verschwiegene Vergangenheit von Städten, Regionen oder Prominenten recherchiert. Kann hierin noch so etwas wie ein Gegendiskurs zur hegemonialen Geschichtspolitik gesehen werden, so hat sich dessen Dissidenz – nicht zufällig parallel zum politischen Aufstieg ehemaliger Protagonist_innen der außerparlamentarischen Opposition oder der Öko-Bewegung – spätestens seit der Regierung Schröder zum festen Bestandteil staatlicher, öffentlicher und medialer Geschichtspolitik gemausert. Nur haben sich damit der Status und die Funktion des Erinnerten gewandelt: Nun tritt ein Element hervor, das den sich als oppositionell verstehenden Bewegungen, ob bewusst oder unbewusst, selbst schon inhärent war. Der Versuch, die deutschen Verbrechen ins öffentliche Gedächtnis zu bringen, muss fragwürdig bleiben, wenn dieses Gedächtnis ein dezidiert deutsches ist. Denn dass Deutschland nicht nur der Rahmen dieser Verbrechen war, sondern eben auch der „unseres“ Erinnerns ist, wird als Problem ausgeblendet, wenn nicht sogar im Sinne einer ‚Läuterung‘ positiv gewendet.
Der offene Umgang mit der Vergangenheit ist so zum Aushängeschild eines aufgeklärten Deutschland geworden, das mit gutem Gewissen „wegen Auschwitz“ Krieg und Frieden führen kann. So wie hier das größte Verbrechen der Deutschen für deutsche Machtpolitik eingesetzt wird, mündet auch der Gestus des Erinnerns ans Vergessene und Verdrängte ins Gedenken an die angeblich nie erinnerten deutschen Opfer, die den Opfern der Deutschen nun an die Seite gestellt werden. Der Umschlag der Aufklärung über die nationalsozialistische Geschichte in den Mythos des aufgeklärten deutschen Geschichtsbewusstseins entspricht der Dialektik einer Erinnerung, die im Wissen über die Geschichte vergessen will, wer Täter_in und wer Opfer war.

„Die Lehren aus der Vergangenheit“

Der bloße Hinweis auf die in der nationalen Erzählung einer fortschreitenden Entwicklung der deutschen Demokratie und vorbildlichen Aufklärung der eigenen Vergangenheit verschwiegenen und ausgeblendeten Elemente übersähe diese Zusammenhänge des tatsächlich stattfindenden Erinnerns mit dessen nationaler Rahmung. Er ist im Übrigen auch nicht ganz unproblematisch, wenn er nahelegt, mensch könne demgegenüber zeigen, ‚wie es wirklich war‘. Hier liegen die Ansätze zu einem positivistischen Geschichtsbild, das es sich zu einfach macht mit dem Zugriff auf die Geschichte.
Die BRD von heute kann beispielsweise mit einer gewissen Berechtigung die Frankfurter Auschwitz-Prozesse als Vorläufer ihres offenen Umgangs mit der Vergangenheit anführen. Es ist in dem Zusammenhang nicht so wichtig, dass diese gegen erhebliche Widerstände durchgesetzt werden mussten, sondern vielmehr, dass die damalige Präsenz von Auschwitz im öffentlichen Bewusstsein als Vorgeschichte des heutigen offenen Bekenntnisses zur deutschen Vergangenheit erscheint. Verschwiegen ist dabei etwas anderes. Was in den Frankfurter Prozessen erreicht wurde – die tatsächliche Verurteilung eines Teils der Mörder_innen von Auschwitz –, stellt heute, obwohl noch einige der Täter_innen von damals leben, noch immer die Ausnahme dar, die zu ihrer Zeit bereits die Auschwitz-Prozesse waren.
Das lässt sich, bezogen aufs heutige Gedenken, durchaus verallgemeinern. Deutschland mag Aufarbeitungsweltmeister sein, wie es Weltmeister der Herzen sein wollte. Was dabei herauskommt, ist dann mit dem Holocaust-Mahnmal aber eine „fußballfeldgroße“ Touristenattraktion in Berlin, während eine Stiftung zur Entschädigung von Zwangsarbeiter_innen nur auf internationalen Druck überhaupt zustande kommt und dann, nach ein paar ausgezahlten Almosen, schleunigst ihre Arbeit für beendet erklärt. Die wohlfeilen Bekenntnisse zur Verantwortung für die deutsche Vergangenheit haben Konsequenzen vor allem dann, wenn es etwa darum geht, einen Sitz im Weltsicherheitsrat oder einfach nur auf der Tribüne bei Feiern des alliierten Siegs über Deutschland zu bekommen. Nach dem Ende der DDR und mit dem neuen Verhältnis zur NS-Vergangenheit kann die BRD sich jetzt als Sieger der Geschichte präsentieren. Das neue deutsche Geschichtsbewusstsein eröffnet seinen eigenen Erinnerungszirkus, der mit medialen Produkten wie Knopps TV-Dokus, der Flut von familiären Erinnerungsromanen seit Ende der Neunziger und einem Kino-Hitler zum Einfühlen den Anschluss an Opas Geschichten im Wohnzimmer sucht und findet.

Im deutschen Wohnzimmer 
der Erinnerung

Die aktuelle Erinnerungslandschaft der Deutschen kann grob in drei sich ergänzende Felder aufgeteilt werden: die persönliche Erinnerung, vor allem im Familienkreis, die mediale Aufbereitung der Geschichte und die offizielle Gedenkpolitik. Demgegenüber nimmt der wissenschaftliche Diskurs, wenn er überhaupt wahrgenommen wird, wechselnde Rollen ein – oft die des willigen Zuträgers, manchmal die des Nörglers, dessen Einsprüche dann wieder zur Modernisierung beitragen können. Wie sehr die persönliche und die mediale Erinnerung ineinandergreifen können, wird seit Jahren exemplarisch von Guido Knopp vorgeführt. Der Haushistoriker des ZDF weiß: „Nachdem Menschen diese Grenzerfahrungen [hier: die Bombardierung deutscher Städte] lange verdrängt haben, wollen sie am Ende ihres Lebens Zeugnis ablegen. Zumal sie gelegentlich das Gefühl haben, dass ihr Erleben mit dem jeweiligen Schwerpunkt des historischen Diskurses nicht übereinstimmt.“ Es ist schon perfide genug, wenn mit dem „Zeugnis“ der „verdrängten Grenzerfahrung“ im Bombenkrieg ein Motiv, das im Zusammenhang mit Berichten von Überlebenden der deutschen Vernichtungslager bekannt ist, auf die Deutschen als Opfer übertragen wird. Schwerwiegender sind aber die Methode und der Anspruch dieses Ansatzes, für den Knopp Vorreiter war, der jedoch über den engeren Bereich seines Doku-TVs hinausweisen. Denn weder die Erkenntnis noch die kritische Reflektion der Vergangenheit, die jene erst ermöglichen würde, sollen Ziel der Darstellung sein, sondern die Bestätigung der Identität. Im Zitat ist es in erster Linie die Identität derjenigen, die „doch dabei waren“, aber darüber hinaus schafft gerade eine auf Anschaulichkeit, Einfühlung und Kohärenz abzielende Präsentationsweise Identifikationsangebote für die Nachgeborenen, welche nun die Geschichte als „die eigene“ annehmen können. Die im faszinierten und verständnisvollen Blick geschaffene Kontinuität über Generationen hinweg ist die aktualisierte Version der deutschen Schicksalsgemeinschaft. Eben darum sind Opfer-, aber auch Familiengeschichten heute so beliebt. Empathie mit Opfern – wer immer sie seien – ist auf jeden Fall einfacher als mit hässlich bellenden SS-Schergen, und was ist schon natürlicher als die familiäre Bindung?
Die Sehnsucht nach der Geborgenheit in der Familie, deren Geschichte möglichst bruchlos imaginiert wird, entspricht der nach einem entspannten Verhältnis zur Nation. Die Enkel_innen wissen ja, wie schlimm die Zeit war mit den ganzen Verbrechen und so, wissen nun aber auch, dass auch Oma und Opa es ganz schön schwer hatten und letztlich doch auch selbst so böse nicht waren. In ihrer Studie „Opa war kein Nazi“ haben Harald Welzer et al. gezeigt, wie sehr die Nachgeborenen der dritten Generation, oft unbewusst, dazu tendieren, die Erzählungen der Großeltern so zu überformen, dass sich das Wissen von den Verbrechen des NS mit dem Bild der guten Großeltern vereinbaren lässt. Der psychologisch nachvollziehbare Reflex, den Widerspruch zwischen beidem eher zu vermeiden als ihn auszuhalten, äußert sich schließlich auch im Rückgriff auf mediale Vorlagen.

Ach- und Krachgeschichte

Die Filme, Fernsehproduktionen, Romane und Memoiren, die seit der Jahrtausendwende zunehmend den Markt überschwemmen, bedienen nicht nur eine wachsende Nachfrage nach sinnlich und sinnvoll erfahrbarer Geschichte. Sie liefern zugleich Erklärungsmuster, mit denen die Geschichte im persönlichen Bereich gedeutet werden kann. Schon deshalb sind Produktionen wie Die Flucht oder Dresden nicht geheuer. Sie sind es in noch stärkerem Maße aber, weil mit ihnen die Vorstellung verbunden ist, mensch könne, wie auch immer, einen unmittelbaren Zugang zur historischen Wirklichkeit bekommen. Dass sogar Hitler nur ein Mensch war, wissen wir spätestens seit dem Untergang.
Das Problem dabei wäre ja nicht letztere Erkenntnis – die ist ziemlich banal –, sondern die darin implizierte falsche Konkretion des Individuellen, die nur auf die schlechte Abstraktion eines „allgemein Menschlichen“ abzielt. In gleicher Weise abstrahiert die Konzentration aufs individuelle Leid der „einfachen Leute“ von deren Einbindung ins politische System des NS und lässt etwa den Vernichtungskrieg als einen einzigen großen Leidenszusammenhang erscheinen. Wenn der Zweite Weltkrieg im Jubiläumsjahr 2009 als „Krieg der Deutschen“ (Spiegel) noch benannt wird, so nur, um mit ihm als Teil „unserer“ Geschichte deren identitäre Funktion zu bestätigen.

Erinnerungsstandort Europa

Die „Anthropologisierung des Leidens“ (Dan Diner), welche Geschichte auf individuelle Geschichten reduziert, passt zur Genealogie eines Europas, in dem Polen und Deutschland an einem Tisch sitzen. In den Medien wird der an sich richtige Hinweis auf die Mitschuld von nichtdeutschen Täter_innen zum Argument für eine nivellierende Perspektive. Deutschland und alle anderen Nationen hätten sich in Form von Europa zusammengerauft und gezeigt, dass es auch ohne Krieg gehe. Die Spezifik des Holocaust und des deutschen Vernichtungskrieges nicht nur im Osten wird in eine schwammige Gewaltgeschichte eingebettet, die mensch jetzt hinter sich habe. So ist es möglich, dass Angela Merkel am Gedenken am 1. September 2009 bei Gdańsk teilnimmt, während in Berlin das Zentrum gegen Vertreibungen gebaut wird. Während Merkel die deutsche Schuld am zweiten Weltkrieg eingesteht, darf sie auch erwähnen, dass die deutschen Vertriebenen gelitten haben – und auch der Dank an Solidarność für das Ende des Kalten Krieges und der deutschen Teilung fehlt nicht. Europa erscheint so als die gemeinsame Überwindung von Geschichte, hin zu einem friedfertigen, geschichtslosen, demokratischen Jetzt. Mit seiner blutigen Geschichte und ihrer friedlichen Überwindung kann Europa und vor allem Deutschland ein moralisches Gewicht in den Ring werfen, das anderen Staaten, vor allem den Vereinigten, angeblich abgeht. So wurde die Türkei im Bundestag dafür getadelt, den Mord an den Armenier_innen noch nicht aufgearbeitet zu haben und so wird Putin anlässlich der diesjährigen Gedenkfeiern zum deutschen Angriff auf Polen von deutschen Medien dafür kritisiert, den russischen Angriff auf Polen nicht verurteilt zu haben.

Kein Ende in Sicht

Mit dem Zusammenschluss von BRD und DDR verschwand eine entscheidende Konsequenz der Nachkriegszeit: Die BRD heißt jetzt Deutschland und ist eine souveräne Nation. Es zeigt sich, dass mit einem Schuldeingeständnis Deutschlands erfolgreich Politik gemacht werden kann. Mit diesem Schuldeingeständnis konnte Deutschland zu einer der führenden Nationen der Europäischen Union werden und schielt schon nach einem Sitz im Weltsicherheitsrat.
Mit der aufgearbeiteten Geschichte im Rücken können alle zur Tagesordnung übergehen. Die Grünen und die SPD zum Beispiel können problemlos bei den Vertriebenentagen mit alten und neuen Nazis auftreten. Das „kalte Vergessen“, von dem Adorno Ende der 50er schrieb, ist zu einem kalten Erinnern geworden. Neben Lippenbekenntnissen und solchen, die in Beton gegossen sind, gibt es kaum juristische oder finanzielle Konsequenzen. Die deutsche Politik ist auf allen Gedenktagen vertreten, verweigert aber konsequent jede nennenswerte Zahlung an die Opfer deutscher Politik. Denn diese Entschädigung, so wird von offizieller Seite angedeutet, wäre der finanzielle Ruin Deutschlands. Dabei wurden der Reichtum der BRD und das Wirtschaftswunder zu einem großen Teil mit dem Geld finanziert, das aus den Zwangsarbeiter_innen ausgepresst, aus den besetzten Gebieten geplündert wurde oder aus arisierten Unternehmen stammt.
Wenn diese Vergangenheit im Zuge der europäischen Einigung ad acta gelegt wird, kann das Deutschland nur nutzen. Der neue Schlussstrich heißt Europa.